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Miscellanea

Ja, Killerspiele produzieren Gewalttäter

1. Killerspiele: Computerspiele, bei denen der Spieler andere Menschen (oder Wesen) mit Hilfe von Waffen bekämpft oder erschießt, sind im deutschen Sprachraum als Ego-Shooter bekannt geworden (Ego = ich; shooter = Schütze). Im englischen Sprachraum heißen sie First Person Shooter (FPS), weil der Spieler kein passiver Zuschauer des Kampfes und der Mordszenen ist, sondern diejenige Person, die selbst aus der Ich-Perspektive kämpft und schießt. Daher ist ein besserer, am besten passender Name für sie Killerspiele. Bei ihnen stellt das Töten den Spielzweck oder das Mittel zu einem anderen Zweck, wie etwa einer Eroberung, dar. Jemand, der Killerspiele spielt, wird hier ein Killerspieler genannt.

2. Killerspielbefürworter: Killerspiele haben ihre Befürworter und Genger. Zu den Befürwortern zählen an erster Stelle die Killerspieler selbst sowie die Hersteller und Vertreiber von Killerspielen. Sie werden aber auch unterstützt durch eine große Gruppe von anderen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen diese Spiele gut finden. Darunter sind sowohl Politiker und Verwaltungsbeamten, die sie erlauben und zulassen, als auch Wissenschaftler. Alle Menschen, die für Killerspiele oder deren Spieler Partei ergreifen, sollen hier Killerspielbefürworter heißen.

3. Das Argument der Killerspielbefürworter: Über die Killerspiele herrscht in der Regel ein verbreitetes Schweigen. Lediglich nach einem Amoklauf durch junge Menschen werden vorübergehend hitzige Debatten darüber geführt, ob sie verboten werden oder weiterhin erlaubt bleiben sollten.

Bei allen jugendlichen Amokläufern wurde bisher festgestellt, dass sie vor der Tat Killerspieler waren. Killerspielgegener sind daher der Auffassung, dass ihre Gewalttätigkeit von Killerspielen herrührt. Die Kritiken und Verbotsbegehren empörter Bürger werden jedoch dadurch abgewehrt, dass die Killerspielbefürworter vehement das folgende Argument vorbringen:

"Es wird behauptet, dass diese Spiele die Spieler gewalttätig machen. Diese Behauptung ist jedoch falsch. Denn ihr zufolge müsste man auch sagen: Jeder, der Brot isst, wird zum Attentäter. Es ist aber nicht so. Aufgrund vieler Studien, die uns vorliegen, ist es nicht haltbar, zu sagen: Wer spielt, wird gewalttätig".

4. Wider das Argument: Das oben angeführte Argument ist teilweise die wörtliche Quintessenz eines Interviews mit dem Erfurter Medienpädagogen Martin Geisler (SZ, 28./29. April 2012, S. 12). Der Medienpädagoge betrachtet die Killerspiele als ein Kulturgut und findet jede Kritik und jedes Verbotsbegehren absurd.

Wenn ein Medienpädagoge ein Wissenschaftler ist, dann müsste Martin Geisler eigentlich den wissenschaftlichen Begriff der Ursache-Wirkungs-Beziehung ("Kausalität") kennen. Aber nach seinem naiven Argumentationsstil zu urteilen, ist das bei ihm ebenso wenig wie bei allen anderen Killerspielbefürwortern der Fall. Denn er argumentiert auf der Grundlage der längst überholten Kausalitätstheorie des britischen Philosophen David Hume (1711-1776), die heute in keiner ernstzunehmenden Wissenschaft mehr respektiert wird. Seitdem die mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts in die Erfahrungswissenschaften Einzug gehalten hat (Beispiele: Ludwig Boltzmanns statistische Mechanik; Werner Heisenbergs Unschärferelation), ist auch ein neuer Kausalitätsbegriff entstanden, der die Ursache-Wirkungs-Beziehung ganz anders sieht, als es seit David Hume üblich gewesen war. Explizit ausformuliert wurde diese probabilistische Theorie der Kausalität erstmalig im Jahre 1970 durch den Wissenschaftstheoretiker Patrick Suppes an der Stanford-Universität in Kalifornien [3]. Eine kurze Erläuterung dieses Sachverhalts soll hier zeigen, warum die Ansicht richtig ist, dass Gewaltspiele in der Tat Gewalttäter produzieren und daher nicht harmlos sind und keine Kulturgüter sein können.

5. Kausalität nach David Hume: Der humesche Begriff der Ursache definiert ein Ereignis A als Ursache eines anderen Ereignisses B, wenn gilt: Immer wenn A eintritt, dann tritt auch B ein (siehe [1]). Dieser Begriff enthält die folgenden Kriterien:

  1. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung besteht zwischen einem Einzelereignis A (z.B.: Infektion von Karl durch HIV) und einem anderen Einzelereignis B (z.B.: Karls Erkrankung an AIDS).
  2. Immer wenn A eintritt, dann tritt auch B ein. Es gibt keine Ausnahmen.
  3. Das Ereignis A geht dem Ereignis B zeitlich voraus.
  4. Wenn die Kriterien 1-3 vorliegen, dann ist das Ereignis A die Ursache des Ereignisses B, welches ihre Wirkung heißt.

Wegen der Ausnahmslosigkeit der Folgebeziehung zwischen der Ursache A und der Wirkung B ist die humesche Kausalitätsbeziehung eine deterministische Relation. A determiniert B. Beispielsweise determiniert das Trinken von einem Liter Cyankali durch einen Menschen unmittelbar sein sicheres Sterben. Das Trinken von einem Liter Cyankali ist also die Ursache seines nachfolgenden Todes.

Dieses humesche Konzept, das über zwei Jahrhunderte das Reden über die Kausalität bestimmte, hat jedoch für die Wissenschaft keinen Sinn, weil es derart deterministische Ursache-Wirkungs-Beziehungen in der Welt kaum gibt. Immer und immer wieder gibt es Ausnahmen in der Beziehung zwischen einer angeblichen Ursache und ihrer angeblichen Wirkung. Zum Beispiel bekommt nicht jeder Mensch, der sich mit Tuberkelbazillen infiziert, Lungentuberkulose. Nicht jeder Mensch, der sich mit HIV infiziert, bekommt AIDS. Nicht jeder, der Zigaretten raucht, bekommt Bronchialkrebs usw. Dennoch ist es sinnvoll und garantiert den Erfolg der modernen Medizin, trotz dieser löcherigen Ursache-Wirkungs-Beziehung davon zu sprechen, dass es eine solche Beziehung der Verursachung gibt:

Diese nichthumesche Kausalbeziehung lässt sich folgendermaßen begrifflich fassen:

6. Prababilistische Kausalität: Das englische Wort "probability", vom lateinischen "probabilitas" herkommend, bedeutet Wahrscheinlichkeit. Probabilistische Kausalität ist die Verbegrifflichung der Ursache-Wirkungs-Beziehung mittels der Wahrscheinlichkeitstheorie. Mit ihrer Hilfe gelingt es, Verursachungen auch dort ans Tageslicht zu bringen, wo die deterministische Theorie David Humes versagt, wenn es keine solchen deterministischen Beziehungen zwischen den Ursachen und ihren Wirkungen gibt. So werden wir sehen, dass obwohl es nicht stimmt, wenn man sagt:

es durchaus gerechtfertigt und vernünftig ist, zu sagen:

Damit diese Einsicht gelingt, müssen wir uns die Grundidee der probabilistischen Theorie der Kausalität vergenwärtigen. Sie besagt, dass - im Gegensatz zu David Humes Konzept - die Verursachung nicht eine Beziehung zwischen einem Einzelereignis A und einem anderen Einzelereignis B ist, sondern eine Massenbeziehung zwischen drei Mengen von Ereignistypen X, Y und Z. Wir sagen, dass ein Ereignis des Typs X (z.B.: HIV-Infektion) in Gegenwart eines anderen Ereignisses des Typs Y (z.B.: in der Population der Menschen) für ein Ereignis des Typs Z (z.B.: Erkrankung an AIDS) statistisch relevant ist, wenn gilt:

  1. das Auftreten des Ereignisses vom Typ X
  2. in Gegenwart des Ereignisses vom Typ Y
  3. verändert die relative Häufigkeit des Ereignisses vom Typ Z
  4. gegenüber seiner relativen Häufigkeit ohne Berücksichtigung des Ereignisses vom Typ X.

Diese Veränderung der relativen Häufigkeit des Ereignisses vom Typ Z kann eine Erhöhung oder eine Verminderung sein. Zum Beispiel erhöht die HIV-Infektion in der Population der Menschen die relative Häufigkeit von AIDS gegenüber seiner relativen Häufigkeit in derselben Population ohne Berücksichtigung der Infektion. Hingegen wird durch Masernimpfung in der Population der Kinder die relative Häufigkeit der Masernerkrankung vermindert gegenüber ihrer relativen Häufigkeit in derselben Population ohne Berücksichtigung der Impfung. Im erstgenannten Fall handelt es sich um eine positive statistische Relevanz der HIV-Infektion für AIDS. Im letztgenannten Falle liegt eine negative statistische Relevanz der Masernimpfung für Masernerkrankung vor. Von statistischer Irrelevanz sprechen wir dann, wenn die relative Häufigkeit des Ereignistyps Z vom Aufteten des Ereignistyps X nicht tangiert wird. Beispielsweise ist die HIV-Infektion bei Ameisen statistisch irrelevant für AIDS.

Die relativen Häufigkeiten, und somit auch ihre Erhöhung ebenso wie ihre Verminderung, lassen sich in Zahlen ausdrücken. Aus diesen Zahlen lassen sich Wahrscheinlichkeitswerte errechnen. Dadurch wird die positive/negative statistische Relevanz oder Irrelevanz eines Ereignisses X in einer Population Y für ein Ereignis Z in der Sprache der Wahrscheinlichkeitstheorie in positive/negative probabilistische Relevanz oder Irrelevanz übersetzt. Auf der Grundlage dieser Begrifflichkeit wird eine exakte Theorie der probabilistischen Kausalität aufgebaut (siehe [3, 2]).

7. Schkussfolgerung. Durch Anwendung der probabilistischen Theorie der Kausalität lässt sich leicht nachweisen, dass Killerspiele die Gewalttätigkeit fördern, weil sie in der Population der Killerspieler die relative Häufigkeit von Gewalttätigkeiten (der für diese Spiele typischen Art) erhöhen gegenüber der relativen Häufigkeit ähnlicher Gewalttätigkeiten bei den Menschen, die keine Killerspiele spielen. Man muss daher die Killerspielbefürworter fragen: Was ist da das Problem mit der These, dass Killerspiele gewalttätig machen?

Literatur

[1] Hume D. An Enquiry Concerning Human Understanding. Modern Edition by LA Selby-Bigge. Oxford: The Clarendon Press, 1894. (Erstveröffentlichung: 1748.)

[2] Sadegh-Zadeh K. Handbook of Analytic Philosophy of Medicine. Dordrecht: Springer, 2012. (Zweite Auflage: 2015.)

[3] Suppes P. A Probabilistic Theory of Causality. Amsterdam: North-Holland Publishing Company, 1970.