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Miscellanea

Herr Bundespräsident Gauck, mit Verlaub: Sie sitzen auf dem falschen Stuhl!

12.6.2012    In Ihrer heutigen Rede an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg haben Sie uns, die Bürger, zu einer stärkeren Debatte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr aufgefordert. Sicherlich ist das Ziel Ihrer Initiative, uns mit der Absicht der Politik zu versöhnen, die darin besteht, die Bundeswehr in immer mehr Kriege einzubinden, die andere Länder des Bündnisses vom Zaun brechen, planen oder wünschen. Den Grund Ihrer Aufforderung verhehlen Sie nicht, indem Sie offen sagen, dass Sie bei uns, dem Volk, eine Neigung zum "Nicht-Wissen-Wollen" feststellen, nicht wissen wollen, "dass es langfristig auch uns betreffen kann, wenn anderswo Staaten zerfallen oder Terror sich ausbreitet, wenn Menschenrechte systematisch missachtet werden" [1]. Das ist jedoch eine Verdrehung der Tatsachen, Herr Präsident! Denn vergessen wir nicht die Grundfrage: Wer hat den Zerfall der zur Diskussion stehenden Staaten (Irak, Afghanistan, Somalia, und demnächst auch Libyen, Syrien und vielleicht noch ...) herbeigeführt? Waren es nicht die Politiker selbst, des Ostens wie des Westens, die das Völkerrecht und die Menschenrechte schamlos missachtet, fremde Länder und Völker mit modernsten Waffen überfallen und dabei auch junge Männer und Frauen ihrer eigenen Völker verheizt haben und damit nicht aufhören? Das deutsche Volk hat ganz einfach die Nase voll von diesem Zerstörungspotenzial und der Kriegstreiberei der, und seiner, Politiker. Das ist die Wahrheit. Darum fühlt sich der denkende Teil des Volkes auch angeekelt von dem permanenten Militarismus, der eine wesentliche Komponente der Weltanschauung der meisten Politiker ausmacht. Wer sich über diese positive Fähigkeit der Bürger, den Militarismus widerlich zu finden und ihn nicht als Instrument der außenpolitischen Problemlösung anzuerkennen, beklagt, der ist angesichts der "Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt" im Allgemeinen [2] und der jüngsten Geschichte unseres eigenen Landes im Besonderen historisch blind und indolent.

Wie bei jeder Entscheidung, hat man auch in diesem Falle der außenpolitischen Problemlösung mindestens zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder man wählt den friedlichen Weg der Verhandlung, Hilfe und Prävention in den Ländern und Regionen, in denen etwas nicht in Ordnung ist und sich Gefahren anbahnen; oder man verschläft die Phase vor der Konfliktentstehung und greift hinterher nach Kanonen, Drohnen, U-Booten und Raketen. Dass Sie in Ihrer Rede nicht für die erstgenannte Möglichkeit eingetreten sind, sondern vielmehr durch das Befürworten der Auslandseinsätze der Bundeswehr kriegerische Auseinandersetzungen bevorzugen, deprimiert mich. Es deprimiert mich nicht deshalb, weil Sie Joachim Gauck heißen, sondern weil ich diese Worte aus dem Munde des Staatsoberhaupts unserer Bundesrepublik Deutschland höre.

Stellen Sie sich vor, demnächst würden bewaffnete Piratenbanden und Terroristen aus dem Irak den Schiffsverkehr im Persischen Golf gefährden. Man kann es mit Sicherheit voraussagen, dass der Westen dann auch nach Kanonen und Raketen greifen würde und wird, ohne auch nur einen einzigen Augenblick lang sich dafür zu schämen, dass er selbst durch die perfide, grausame Zerstörung des Staats Irak diese terroristische Piraterie verursacht hat. Ist es im Falle Somalias anders gewesen? Noch ein Beispiel: Man mag sich über den Gottesstaat Iran so viel ärgern, wie man will, und Pläne schmieden, mit Israel als Handlanger auch dieses unliebsame Land zum Teufel jagen zu wollen. Vergessen wir aber nicht: Auch in diesem Falle stellt der Westen selbst die Wurzel des Übels dar, weil die Islamische Revolution in Iran im Jahre 1979 die Antwort des iranischen Volkes mit Hilfe der Kleriker auf den Putsch gegen den iranischen Ministerpräsidenten Dr. Mohammad Mosaddegh war, der 26 Jahre vorher im Jahre 1953 durch die CIA ausgeheckt wurde. Wir selbst im Westen sind also nicht frei von Schuld am Entstehen des vermeintlich Bösen da draußen in der Welt, was wir diesen Völkern zur Last legen, um gegen sie die Bundeswehr ausrücken zu lassen, wofür Sie ja offenbar plädieren. Kann man schmutziges Geschirr im schmutzigen Wasser mit schmutzigen Tüchern sauber waschen?

Lassen Sie uns doch bitte in Ruhe und Würde und im Bemühen, moralisch nicht aktiv schuldig zu werden, unser Leben führen und nehmen Sie uns nicht unsere Söhne und Töchter, weil Sie, die Politiker, sich nicht davor scheuen, in der Welt immer mehr Leichen, Zerstörung und Unglück zu produzieren. Wie befremdend es aus dem Munde eines Pfarrers klingt, wenn er diesen Abscheu des Volkes gegen die "Auslandseinsätze der Bundeswehr" (sprich: Krieg) folgendermaßen sieht und umschreibt: "Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen" (siehe: Die Zeit vom 12.6.2012). Als ob es daran läge, dass wir unsere "Glückssucht" nicht durch das Ertragen-Müssen des Todes unserer gefallenen Soldaten beeinträchtigen lassen wollten und nur deshalb den Missbrauch der Bundeswehr durch Politiker beklagen und uns ihm widersetzen. Es sterben durch die Angriffe der westlichen Streitkräfte ja auch Hunderttausende Unschuldige anderer Völker, deren Schicksal einem das Leben schwermacht.

Wir die Bürger plädieren daher für eine friedliche Veränderung der Welt ohne kriegerische Auseinandersetzungen, deren Ziel primär darin zu bestehen scheint, die sadistische Tötungsmaschinerie in Gang zu halten und die Kriegsindustrie fortzuentwickeln. Dank dieser Einstellung fordern wir von unseren Politikern, für Frieden einzutreten, Frieden und Konfliktprävention zu praktizieren und alle kriegerischen Auseinandersetzungen zu ächten und zu meiden. Wer dazu nicht in der Lage ist, sollte nicht in die Politik gehen. Tut er es dennoch, so wollen und werden wir ihm nicht folgen, auch wenn er Der Bundespräsident höchstpersönlich ist. Denn ein solcher, bellizistischer Präsident sitzt offenbar auf dem falschen Stuhl und kann kein humanes Vorbild für das Volk sein. Dass er sich dazu auch noch als einen Gottesmann betrachtet, oh je!

Anmerkungen:

[1] Joachim Gaucks Rede an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg am 12.6.2012. Wortlaut siehe Spiegel Online vom 12.6.2012.

[2] Bartlett, Robert: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonosierung und kultureller Wandel von 950 bis 1350. Kindler Verlag GmbH, München 1996.